Das Buch: Die legale Flucht im Möbelwagen

Autor: Frank Weickert
1. Auflage: Dezember 2008
ISBN: 978-3-9812412-4-2
270 Seiten
16,85 € (bei Versand, zzgl. Porto)

Sie können das Buch im Buchhandel bei Thalia oder direkt bei Bartsch & Weickert (gegen Vorkasse bzw. Nachnahmegebühren) erwerben.


Inhaltsverzeichnis

Prolog

Ost-West / Kapitel Eins
Kriegsjahre
Nachkriegsjahre

West-Ost / Kapitel Zwei
Sonnenaufgang
Experimente
Erfolge
Mobilitäten
Wiedervereinigungsjahre
Eine Begegnung
Widerstände
Auf dem Rückzug
Vorwort zum Kapitel Drei

Unter einem Dach / Kapitel Drei
Soziale Gesichtspunkte
Ansichten
Hoffnungen
Visionen
Nachlese
Wechselreiterei
Staatsverschuldung

Aktuelles vom Tage
Würdigung

Leseprobe – Kapitel Zwei – Mobilitäten

Bei der Einreise in die DDR, vorwiegend mit leeren Fahrzeugen, konzentrierte sich der Zoll intensiv auf die Suche nach Druckerzeugnissen, insbesondere Zeitungen und andere interessante Artikel. Solches Material führten unsere Leute oftmals ganz bewusst mit, weil es sowohl an der Grenze wie auch an den Zielorten nur als Kavaliersdelikt behandelt und letztlich sogar mit einem gewissen Interesse konfisziert wurde. Diese deutsch-deutschen Gemeinsamkeiten lockerten die oft verschlossenen Gemüter auf.

Unabhängig von diesen gelegentlichen Ablenkungen widmeten sich nahezu alle in Frage kommenden Dienststellen der Erfassung unserer Präsenz im Inneren des Landes mit ständiger Akribie. Zwar hatten wir aufgrund des geschäftlichen Hintergrundes stets freie Fahrt nach allen Richtungen, doch die Signale eilten uns voraus. Das Überwachungssystem funktionierte perfekt und machte auch vor den Toren der DEUTRANS-Filialen nicht halt, besonders in Dresden nicht. Wir vermuteten sogar, dass mit den Ausreisenden gelegentlich Spitzel des MfS in die Bundesrepublik eingeschleust wurden. Wenn vielleicht auch nur ein Gerücht, so gereichte es innerhalb der verspürten Verbundenheit auf beiden Seiten doch zu Verunsicherungen, Misstrauen und Spannungen.

Als ich eines Tages die Filiale in Elbnähe besuchte – natürlich wie immer angemeldet – nahm ich bereits vor der Eingangspforte eine Warteschlange wahr, die sich bis zur ersten Etage hinzog. Es mögen fast einhundert Personen gewesen sein. Empfangen wurde ich an der Pforte von einer aufgeweckten und freundlichen Mitarbeiterin des Hauses, Frau Bauer, die auf den mir vertrauten Vornamen Christine hörte. An dieser aufrichtigen und couragierten Dame hätte auch Karl Marx seine Freude gehabt. Sie geleitete mich an allen vorbei nach oben und bemerkte, so dass es mitzubekommen war: „Herr Weickert – alles Ihre Kunden!“

Ich sah in die Gesichter vieler ermüdeter, aber hoffnungsvoller Menschen, die geduldig das unbequeme und lange Warten auf Entgegennahme ihrer Umzugswünsche in Kauf nahmen. Gern hätte ich mit ihnen ein bisschen geplaudert, aber man erwartete mich, um mir ein in der Erprobung befindliches und für unsere Zwecke angelegtes Softwareprogramm vorzuführen. Von Computertechnik verstand ich damals kaum etwas und wollte es, ehrlich gesagt, auch nicht verstehen. (Erst jetzt, also lange Zeit danach, nutze ich diese Technik für meine Aufzeichnungen, wundere mich aber über gelegentliches Verschwinden von Texten und Bildern.)

Egon Schicht und Christine Bauer bemühten sich dennoch redlich, mir das geheimnisvolle Flimmern auf einem Monitor zu erklären. Vor dem Bildschirm saß eine junge Dame, deren behutsamer Umgang mit ihrem einem Fernseher gleichenden Gerät mich mehr faszinierte, als das bestaunenswerte Produkt ihrer Tätigkeit vermochte. Mein Speditionsfreund Manfred, der diesem elektronischen Spuk ebenso wenig abgewinnen konnte wie ich, hatte indessen wieder einmal „Kundenbesuche“ vereinbaren müssen, deren Bedeutung ich nicht verkannte. Dieses Mal, zunächst nur begleitet von der später als Abteilungsleiterin eingesetzten Christine Bauer und ausgestattet mit dem Segen des Hauses für derartige Kontakte, verließen wir gemeinsam das Gebäude und benutzten mein Auto. Zielort war ein in Nähe des Elbufers gelegener Häuserblock. Schon bei der Abfahrt bemerkten wir ein Polizeiauto in unmittelbarer Nähe, von dem aus wir uns beobachtet fühlten. Zunächst empfanden wir es aber als bedeutungslos, denn es wimmelte stets von Polizei oder anderen “Ordnungshütern“. Wir wurden aber offensichtlich doch verfolgt und nahmen deshalb den Weg über die Innenstadt. Jetzt parkten wir nahe der noch vorhandenen Ruine der Frauenkirche.

Von hier aus beobachteten wir unsere Beobachter. Deren diesbezügliche Geschicklichkeit ließ zu wünschen übrig. Nach einem Schlenker zu Fuß, immer noch gefolgt von einem Uniformierten, trennten wir uns verabredungsgemäß. Sie verschwand in einem Geschäft, ich aber setzte meinen Weg per Auto fort. Zuvor hatte ich noch bemerkt, dass sich im Polizeiwagen ein weiterer Polizist und auf dem Rücksitz ein Zivilist befanden. Im Rückspiegel hatte ich meine Verfolger im Auge und amüsierte mich mit gutem Gewissen über deren Aktivitäten. Im Falle einer offiziellen Kontrolle hätte ich mich legitimieren und rechtfertigen können. Ich näherte mich dem Ziel und bog schnell nach rechts ab, so dass die Jungens weiter geradeaus fahren mussten, danach aber ebenfalls sofort einbogen und mir nach wenigen Augenblicken auf der Ringstraße entgegenkamen. Ich parkte, verließ mein Auto und tat so, als hätte ich sie nie bemerkt. Nach etwa dreißig Metern hatte ich eine Seitenstraße zu überqueren, stolperte absichtlich vor einem Bordstein und ließ dabei meinen Aktenkoffer fallen.

Beim Wiederaufnehmen konnte ich mit einem kurzen Blick zurück eine schmächtige mit einer Umhängetasche ausgerüstete männliche Gestalt mit langen Haaren ausmachen, die mir folgte, während das Polizeiauto an mir vorbei fuhr und abdrehte. Angekommen im Flur eines großen Hauses mit vielen Namensschildern, suchte ich nach meiner Kundin. Sogleich betrat auch mein Verfolger das Haus und fragte mich in fürchterlichem Sächsch: „Soochen se moal, gennse zufällsch hier eene Familie Borinski?“ Ich antwortete sofort: „Nu glooor, da will’sch doch ooch hin, gommse doch glei mid, die woll’n noch ’m Westen machen. Sie soll’n wohl baggen helfen?“ Verblüfft sah er mich an, denn das hatte er nicht erwartet von einem Mercedesfahrer mit Düsseldorfer Kennzeichen. Verstört entschwand er.